Hilfestellung für den Umstieg auf „home-learning“: Pragmatische Strategien für die Lehr(um)gestaltung

Barbara Louis

Version 31.03.2020

1. Lehre in Zeiten der Coronavirus-Krise

Durch die Coronavirus-Krise finden sich alle Menschen an der Universität Wien plötzlich in außergewöhnlichen und belastenden Umständen wieder und müssen sich darin zurechtfinden. Sie als Lehrende stehen (neben vielem Anderen) vor der Herausforderung, Ihre Lehre digital fortzusetzen. Die Zeit für die Umstellung drängt und pragmatische Strategien sind gefragt.

Bedenken Sie, dass diese Umgestaltung sowohl für die konkrete Lehrveranstaltung, für Ihre eigene Lehrpersönlichkeit als auch für die Studierenden geeignet sein sollte. Wenn Sie etwa eine Lehrveranstaltung über Videokonferenztools als Webinar durchführen, bedenken Sie Kompensationsmöglichkeiten für Studierende mit, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht teilnehmen können.

Da das Semester bereits begonnen hat, Sie vermutlich die LV schon fertig geplant und sich auf den Ablauf und die einzelnen Lehr-/Lernaktivitäten eingestellt haben: Vielleicht hilft es, sich in Erinnerung zu rufen, dass diese Aktivitäten letztlich Mittel zum Zweck sind und es meist mehrere Wege gibt, um ein Ziel zu erreichen. Möglicherweise müssen Sie auch die Ziele adaptieren und das Programm reduzieren. Im Folgenden möchten wir Ihnen dabei helfen, home-learning-taugliche Alternativen für die Lehr-/Lernaktivitäten, die Sie für die Präsenzeinheiten geplant haben, zu finden. Informationen zum Thema Prüfen sind derzeit in Erarbeitung; Materialien dazu werden ergänzt, sobald sie zur Verfügung stehen.  

Wenn Sie schon Erfahrung mit einem digitalen Tool haben (z.B. Moodle), brauchen Sie nicht notwendigerweise einen Schritt ins Unbekannte machen. Setzen Sie das ein, was Sie schon kennen und probieren Sie vielleicht ein oder zwei neue Dinge aus, die Ihnen für Ihre LV sinnvoll erscheinen. Versuchen Sie nicht zu viel Neues auf einmal – die Situation ist schon herausfordernd genug. Ähnliches trifft auch auf Ihre Studierenden zu: Auch sie müssen sich umstellen, sind mit zahlreichen neuen Elementen konfrontiert und könnten durch zu viele unterschiedliche Tools überfordert werden.

2. Ausgangspunkt: Eine fertig geplante, auf Präsenzeinheiten ausgelegte Lehrveranstaltung

  • Überdenken Sie die Studienziele für Ihre LV, passen Sie sie an die gegebenen Möglichkeiten an und priorisieren Sie diese anschließend. Streichen Sie die niedrig priorisierten.
  • Gehen Sie die geplanten Lehr-/Lernaktivitäten, Teilleistungen, Prüfungsaufgaben/-fragen durch:[1] Welche lassen sich unter den gegebenen Umständen überhaupt sinnvoll erledigen und sind überprüfbar? Welche davon beziehen sich auf die niedrig priorisierten bzw. gestrichenen Studienziele? Entweder Sie streichen auch diese Aktivitäten oder Sie adaptieren Sie für andere Zwecke (siehe nächster Punkt). Mehr zum Thema: Studienzielorientierung – Constructive Alignment.
  • Welche Elemente bleiben übrig, weil sie zu den priorisierten Studienzielen gehören? Ergibt das Design in der jetzigen Form ein kohärentes Ganzes für die LV? Wenn nein, was fehlt? Können Sie einige der oben ausgemusterten Aktivitäten adaptieren, um hier eventuell Lücken zu füllen?
  • Sind die jetzt vorhandenen Lehr-/Lernelemente geeignet für die Online-Lehre? (Eine Datenerhebung durch Straßenumfrage z.B. ist derzeit als Teilleistung nicht möglich.) Wenn sie nicht geeignet sind: Was muss geschehen, damit sie passend werden? Umgestalten (z.B. Datenerhebung streichen, stattdessen Sekundäranalyse durchführen)? Ersetzen? Welche Formate eignen sich? Womit können Sie bereits umgehen, womit haben Sie Erfahrung, womit fühlen Sie sich wohl? Haben Studierende die nötigen Ressourcen wie z.B. Ausstattung auf ihren privaten Geräten und wie können Sie notfalls adaptieren (z.B. Alternativen für kostenpflichtige Software vorschlagen, die den Studierenden im Normalfall an der Universität zur Verfügung stehen würde).
  • Überdenken Sie, ob und wenn ja, welche Lehrelemente synchron (d.h. Studierende und Lehrende agieren zeitgleich, z.B. bei einem Webinar) stattfinden sollten.[2] Gerade die Umstellung einer bestehenden, auf Präsenz ausgelegten Lehrveranstaltung kann dazu verleiten, geplante Einheiten fast automatisch in einen digitalen Raum übertragen zu wollen. Überlegen Sie, welche Elemente/Aktivitäten sich zur Erreichung der Lehr-/Lernziele unter den gegebenen Umständen eignen.
    Wir empfehlen, wenn möglich, asynchrone Formate (d.h. Aktivitäten können zeitversetzt stattfinden) einzusetzen. Diese sind vielleicht ohnehin bereits Teil Ihrer geplanten LV. Zusätzlich zu den in der folgenden Tabelle ausgeführten Eigenschaften bieten sie gerade jetzt während der Corona-Krise den Vorteil, eher von Netzproblemen oder temporären Netzüberlastungen unabhängig zu sein, bzw. lassen sich asynchrone Formate auch besser mit gleichzeitiger Kinderbetreuung oder anderen Verpflichtungen vereinbaren. 

3. Lehr-/Lernaktivitäten online durchführen: asynchron & synchron

Vor- und Nachteile bzw. Herausforderungen von asynchronen und synchronen Formaten:[3]

Tabelle 1: Asynchrone und synchrone Formate

 

Vorteile

Nachteile/
Herausforderungen
Asynchron

- Zeitliche Flexibilität für Lehrende und Studierende
- Studierende können im eigenen Tempo lernen
- Material ist langfristig zugänglich
- Möglichkeit zu vertieftem Lernen
- Weniger fehleranfällig in Zeiten der Netzüberlastung

- Ohne geeignete Überprüfung können Studierende Gefahr laufen, Inhalte misszuverstehen oder sich falsch anzueignen
- Weniger Interaktion und Gefahr der sozialen Isolation

Synchron

- Zeitgleiche Interaktion von Lehrenden und Studierenden, kommt face-to-face am nächsten; wirkt sozialer Isolation entgegen
Unmittelbare Reaktion möglich, evtl. Missverständnisse können schnell geklärt werden

- Sitzung kann durch technische Probleme gestört werden
- Studierende oder Lehrende haben evtl. die nötige technische Infrastruktur nicht
- Verwendung der Tools kann eine Einarbeitungsphase brauchen
- Die zeitgleiche Betreuung von kleinen Kindern kann die Durchführung erschweren
- Terminfindung für Sitzungen kann schwierig sein
- Durch die Corona-Krise hat sich die Lebenssituation von vielen Studierenden und dadurch auch ihre Zeitplanung drastisch verändert (z.B. neue Dienstpläne)

Die folgende Übersicht[4] soll Ihnen dabei helfen, digitale Versionen Ihrer geplanten Formate zu erstellen (alternativ: Tabelle zum Download). Ausgehend von Lehr-/Lernformaten, die häufig in Präsenzeinheiten zum Einsatz kommen, enthält der folgende Abschnitt sowohl asynchrone als auch synchrone Alternativen.

3.1. Vorlesungen, Input-Sequenzen in Übungen, Seminaren usw.

Digital asynchron:

Digital synchron

3.2. Plenardiskussionen

Digital asynchron

Digital synchron

3.3. Gruppendiskussionen und -arbeiten

Digital asynchron

Digital synchron

 

3.4. Referate & Präsentationen

Digital asynchron

  • Studierende erstellen ein kurzes Video und stellen es auf Moodle zur Verfügung (evtl. anschließende Diskussion oder Beantwortung von Fragen auf Moodle)
  • Studierende kommentieren Folien mittels Voiceover (in Powerpoint möglich) und laden sie auf Moodle.
  • bei Literaturreferaten: anstatt eines Vortrags stellen Studierende eine Zusammenfassung oder Handout oder eine andere Unterlage zusammen
  • Referat wird durch eine andere Aktivität ersetzt, z.B. einen Blogeintrag

Digital synchron

3.5. Diskussion von Übungsaufgaben

z.B. Statistikaufgaben, Code bei Programmierübungen

Digital asynchron

  • richtige Lösung(en) auf Moodle zur Verfügung stellen
  • Screencast mit Erklärungen auf Moodle zur Verfügung stellen (als Beispiel für Screencasts siehe Video „Quantitative Forschungsmethoden mit Flipped Classroom lehren“)
  • Lösung(en) mit Kommentaren versehen und auf Moodle zur Verfügung stellen
  • Studierende kommentieren gegenseitig ihre Lösungswege (Abwicklung über Moodle, siehe Cheat Sheet)

Digital synchron

3.6. Peer-Feedback

z.B. Peer Review von Textentwürfen

Digital asynchron

Digital synchron

3.7. Erste Schritte einer schriftlichen Arbeit

Digital asynchron

  • Vom Thema zum Exposé“: ausgearbeitete Sequenz zum Import in Ihren eigenen Moodle-Kurs, z.B. für BA-Arbeiten

Digital synchron

3.8. Sprechstunden

Digital asynchron

  • Über Moodle oder E-Mail

Digital synchron

3.9. Labor(Praktika)

Digital asynchron

  • Vorschlag an Studierende, sich evtl. über virtuelle Labore (siehe Eintrag im Infopool besser lehren) auf die verschobenen Einheiten vorzubereiten.[5]

* empfohlen für Großlehrveranstaltungen bis 250 Personen
** empfohlen für Lehrveranstaltungen bis 100 Personen
*** empfohlen für Lehrveranstaltungen oder Gruppengrößen bis 12 Personen

4. Noch einige praktische Tipps zum Abschluss

  • Angesichts der Veränderung des Studienalltags ist es nun besonders wichtig, dass Studierende Verantwortung für ihren Lernerfolg übernehmen und möglichst selbstgesteuert handeln können. Wie Sie als Lehrende dabei unterstützen können, können Sie im Eintrag Selbstgesteuertes Lernen nachlesen. Als unmittelbare Unterstützung können Sie Ihren Studierenden auch die folgenden beiden Handouts zur Verfügung stellen: "Vier Tipps für home-learning", "Drei Tipps zur Kommunikation im home-learning", "Leichter lernen Teil 1: Lerntechniken" und "Leichter lernen Teil 2: Noch mehr Lerntechniken".
  • Aufgaben, die prinzipiell immer zur gleichen Zeit fällig sind (z.B. Donnerstag, 12:00) können Studierenden Orientierung bieten und bei der Strukturierung ihrer Arbeit helfen.
  • Sollte die pünktliche Abgabe (noch) nicht so gut klappen, kann es allerdings jetzt auch nötig sein, diese Deadlines flexibel zu handhaben. Bedenken Sie, dass die Situation auch für Studierende neu ist und diese vielleicht etwas mehr Zeit zum Erledigen der Aufgaben brauchen bzw. sich erst an die neuen Arbeitsmodalitäten gewöhnen müssen.
  • Zur aktiven und kontinuierlichen Auseinandersetzung mit den Lerninhalten, kann das Führen eines Lerntagebuchs für Studierende hilfreich sein. Dies könnte z.B. eine entfallene Teilleistung ersetzen oder als Teil der Mitarbeit geführt werden (mehr Informationen dazu: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNTECHNIK/Lerntagebuch.shtml)
  • Bleiben Sie mit den Studierenden in Kontakt und holen Sie (noch mehr als sonst) deren Feedback ein.
  • Und zu guter Letzt: Wenn man Neues ausprobiert, kann auch etwas schief gehen - seien Sie nicht zu streng zu sich!

Alles Gute und viel Erfolg in dieser herausfordernden Zeit! Bei Fragen bzw. Unterstützungsbedarf wenden Sie sich gerne unter ctl@univie.ac.at an uns. Wir freuen uns über Rückmeldungen zu Ihren Erfahrungen. 

 Zum Weiterlesen

Darby, Flower. „How to be a Better Online Teacher.“ The Chronicle of Higher Education. https://www.chronicle.com/interactives/advice-online-teaching#1 [letzter Zugriff: 21.03.2020]

Gannon, Kevin. „How to Make Your Online Pivot Less Brutal." The Chronicle of Higher Education, 12.03.2020. The Chronicle of Higher Education. https://www.chronicle.com/article/How-to-Make-Your-Online-Pivot/248239 [letzter Zugriff: 26.03.2020]

Quellen

[1] Siehe Miller, Michelle D. „Going Online in a Hurry: What to Do and Where to Start.“ Chronicle of Higher Education, 9. März 2020. https://www.chronicle.com/article/Going-Online-in-a-Hurry-What/248207 [letzter Zugriff: 19.03.2020]

[2] Siehe Milsom, Alexandra L. „Guest Post: Your Suddenly Online Class Could Actually Be a Relief“, Inside Higher Ed, 15. März 2020. https://www.insidehighered.com/blogs/just-visiting/guest-post-your-suddenly-online-class-could-actually-be-relief [letzter Zugriff: 19.03.2020]

[3] Cohn, Jenae, und Beth Seltzer. „Teaching Effectively During Times of Disruption, for SIS and PWR“. 17. März 2020. https://docs.google.com/document/d/1ccsudB2vwZ_GJYoKlFzGbtnmftGcXwCIwxzf-jkkoCU/preview#heading=h.zd7qtbyoksaj [letzter Zugriff: 19.03.2020].

[4] Siehe Cohn/Seltzer, Anne Fensie. „Teaching Effectively During Times of Disruption“ [3] und Fensie, Anne. „Keep Calm and Go Online.“ 11. März 2020. http://fensie.com/index.php/2020/03/11/keep-calm-and-go-online/ [letzter Zugriff: 19.03.2020]

[5] Eine Liste an Ressourcen für virtuelle Labore und Simulationen, zusammengestellt vom Verbund staatlicher Universitäten von Georgia, USA,  finden Sie hier: https://media1-production.mightynetworks.com/asset/9157779/Virtual_Lab_Resources.pdf [letzter Zugriff: 19.03.2020]. Siehe auch Taft, Heather R.: „How to Quickly (and Safely) Move a Lab Course Online“. Chronicle of Higher Education. 17. März 2020. https://www.chronicle.com/article/How-to-Quickly-and-Safely/248261?fbclid=IwAR0GvqnUtMgvUlHJ4d53Brbf4Ygn5-HFjQDurlER1cd6dPhGl05MoZFaIfg [letzter Zugriff: 19.03.2020]

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