Feedback in den Phasen des Schreibprozesses

Formatives Feedback ist in jeder Phase des Schreibprojektes möglich. Die Lehrenden können so ihre Studierenden nicht nur optimal prozessorientiert begleiten, sondern die Arbeitsbelastung von Lehrenden verteilt sich auch auf das gesamte Semester. Weiters kann zu bestimmten Phasen des Schreibprozesses Peer-Feedback eingesetzt werden. Auch dadurch werden die Lehrenden entlastet und die Studierenden üben sich in der Fertigkeit des Feedback-Gebens und -Nehmens. Auf die Endversion der schriftlichen Arbeit ist summatives Feedback durch Lehrende möglich, siehe Eintrag Feedback von Lehrenden auf schriftliche Arbeiten.

Dieser Eintrag gibt Aufschluss darüber, welche Art von Feedback für welche Phase des Schreibprozesses geeignet ist, worauf jeweils der Schwerpunkt des Feedbacks liegen sollte und wer idealerweise das Feedback gibt.

Dazu wurde der Prozess zur Erstellung einer schriftlichen Arbeit in die folgenden Phasen eingeteilt:

EIN TIPP VORWEG

Generell empfiehlt es sich, mit dem ausführlichen Feedback nicht bis zur Endversion zu warten, sondern es in die Zwischenphasen zu verlegen. Feedback von Ihnen als Lehrender/-m ist besonders auf die ersten Schritte wichtig, wie etwa auf Forschungsfrage oder Exposé . Damit kann frühzeitig sichergestellt werden, dass sich die Arbeiten in die richtige Richtung entwickeln, und es wächst die Verbindlichkeit auf Seiten der Studierenden, sich mit dem Feedback auseinanderzusetzen und es einzuarbeiten. Außerdem ist ausführliches Feedback, das erst gemeinsam mit der Note kommuniziert wird, für Sie als Lehrende/n sehr aufwändig. Es wird aber von den Studierenden tendenziell weniger gelesen, weil mit der Notenvergabe die Lehrveranstaltung als abgeschlossen gesehen wird und somit keine unmittelbare Notwendigkeit zur Umsetzung besteht.

Phase 1: Orientierung, Themenfindung, Planung

In dieser ersten Phase eines Schreibprojektes beginnen die Studierenden, sich mit Thema und Aufgabenstellung auseinanderzusetzen. Sie sichten Literatur, lesen Texte, stecken Interessensbereiche ab und haben erste Ideen für Forschungsfragen, methodische Zugänge und benötigte Daten.

Feedback worauf?
Auf die Produkte dieser ersten Phase (z.B. Ideen, Mindmaps, Cluster, Konzepte, erste Themenvorschläge und Darstellung von Interessensbereichen) ist Feedback von Ihnen als Lehrperson sinnvoll. Der Schwerpunkt sollte dabei auf inhaltlichen Aspekten liegen. In diesem Stadium brauchen Studierende vor allem Rückmeldungen auf Fragen wie:

  • Ist das Thema im vorgegebenen Rahmen bearbeitbar?
  • Ist es relevant und passt es in den Rahmen der Lehrveranstaltung (sofern Sie diese Vorgaben definiert haben)?
  • Gibt es grundlegende Literatur zum Thema, die zusätzlich noch beachtet werden soll?
  • Ist die angedachte methodische Zugangsweise adäquat?

Feedback auf diese Aspekte hilft den Studierenden dabei, das Thema einzugrenzen und in weiterer Folge bei der Generierung der Fragestellung bzw. Forschungsfrage und Präzisierung der Methode und Literatur.

Feedback von wem?

  • Von Lehrenden:
    • Elektronisches Feedback über Moodle oder per E-Mail zu ersten Themenvorschlägen
    • Persönliches Gespräch (z.B. in der Sprechstunde), um das Thema zu präzisieren, Literatur zu empfehlen oder das Interesse der Studierenden auf beachtenswerte und/oder kontroverse Aspekte zu lenken.
  •  Von Studierenden (Peer-Feedback):
    • In dieser Phase eignet sich Peer-Feedback für die Studierenden vor allem als Quelle zusätzlicher Ideen und Anregungen.


Praxistipp: Beispielmethode zur Entwicklung einer Forschungsfrage: "Dreischritt" [2]

Eine (Vor)Übung zur Entwicklung der Forschungsfrage stellt der „Dreischritt“ dar. Dabei sollen Studierende auf einem Blatt Papier in je einem Satz
1) das Thema der Arbeit benennen,
2) was sie herausfinden möchten und
3) warum sich die Auseinandersetzung mit diesem Projekt für potenzielle LeserInnen lohnt.

Zum einen ist dies eine gute Übung, um das Wesentliche der geplanten Arbeit zum Ausdruck zu bringen. Zum anderen kann diese ausformulierte Kurzdarstellung des Vorhabens für eine Peer-Aktivität verwendet werden, um informell erste Reaktionen auf ihre Ideen zu erhalten (z.B. Studierende stellen sich ihre Themen paarweise oder in Kleingruppen gegenseitig vor).

Vorgehensweise:

a) Formulieren

Bitten Sie die Studierenden als erstes, auf einem Blatt Papier die folgenden drei Fragen zu ihrem Vorhaben zu beantworten, indem sie die folgenden Sätze vervollständigen:

1. Worüber schreibe ich?
Ich untersuche/arbeite an/ schreibe über...

2. Was will ich wissen?
Weil ich verstehen/herausfinden/nachvollziehen möchte...

3. Warum will ich das wissen?
Um zu überlegen/festzustellen/zu prüfen,...

 b) Umformulieren

-  Danach sollen die Studierenden das unter 2. Geschriebene zu einer Frage umformulieren.

-  Ebenso sollen sie das unter 3. Geschriebene zu einer Aussage umformulieren, indem sie  folgenden Satz vervollständigen: Ziel dieser Arbeit ist es,...

-  Wenn die Studierenden mit Hypothesen arbeiten, können sie aus diesem Ziel nun eine Arbeitshypothese ableiten, indem sie folgenden Satz vervollständigen: Ich nehme an, dass...

c) Peer-Feedback und Reflexion

In paarweisen Gesprächen oder Gesprächsrunden können sich die Studierenden nun ihre Formulierungen gegenseitig präsentieren und um Rückmeldungen bitten, wobei Sie folgende Reflexionsfragen als Unterstützung einsetzen können:

-  Gefällt Ihnen Ihre Forschungsfrage? Ist sie konkret genug?
-  Sind die verwendeten Begriffe präzise und klar?

-  Fallen Ihnen noch weitere Arbeitshypothesen ein?


Phase 2: Materialsichtung & Struktur

In dieser Phase beschäftigen sich die Studierenden tiefgehender mit dem gewählten Thema. Sie sichten das gefundene Material und suchen laufend neues. Das Thema wird weiter eingeschränkt, eine Forschungsfrage und eventuell These wird entwickelt; eine Gliederung der Arbeit entsteht.

Feedback worauf?  
In dieser zweiten Phase kann Feedback auf verschiedene Aspekte erfolgen: auf Konzepte, die Forschungsfrage, eine erste Formulierung einer These, die gewählte Methode, Literaturauswahl, Gliederung, Exposé etc.

Essentiell in dieser Phase ist das Feedback auf die gewählte Forschungsfrage, da diese die Voraussetzung für die Weiterarbeit ist. Spätestens am Ende dieser zweiten Phase sollte sie festgelegt und von Ihnen als Lehrender/-m gutgeheißen sein.

Feedback von wem?

  • Von Lehrenden:
    • Elektronisches Feedback über Moodle oder per E-Mail
    • Persönliches Gespräch (z.B. in der Sprechstunde)
    • Gruppenfeedback, z.B. exemplarisches Vorgehen mit Freiwilligen, um deren Forschungsfragen zu diskutieren (siehe auch: Gruppenfeedback, Umsetzungsszenario 1)
  • Von Studierenden (Peer-Feedback): Kann in dieser Phase auch eingesetzt werden, allerdings nur ergänzend zum Lehrenden-Feedback.
    • Angeleitetes Peer-Feedback in Kleingruppen auf die Erstfassung eines Konzepts

Phase 3: Verfassen des Rohtextes

Diese Phase ist gleichzeitig Lese- und Schreibphase des Schreibprojekts. Die Studierenden lesen Literatur und schreiben zugleich an ihren Texten. Eine erste Fassung des Fließtextes – der Rohtext – entsteht, in dem die Studierenden ihre Gedanken grob formulieren.[3]

Feedback worauf? 
Feedback kann in dieser Phase auf den ganzen Text oder auf ausgewählte Teile des Textes erfolgen. Da es sich um einen Erstentwurf handelt, sollte der Schwerpunkt des Feedbacks auf Inhalt und Struktur des Textes liegen und noch nicht so sehr auf sprachlichen Feinheiten. Studierende brauchen in diesem Stadium Rückmeldungen darauf, ob die Arbeit logisch und nachvollziehbar aufgebaut und die Argumentationslinie klar ist, ebenso darauf, ob alle wesentlichen Teile vorhanden sind. Aber Sie können natürlich auch rückmelden, ob sich der Text sprachlich im Großen und Ganzen auf dem richtigen Weg befindet.

Feedback von wem?

  • Von Lehrenden:
    • Elektronisches Feedback auf den Text über Moodle oder per E-Mail
    • Schriftliches Feedback auf den Text
  • Von Studierenden: Peer-Feedback auf einzelne Textteile
    • entweder während der Präsenzzeit
    • oder elektronisch über Moodle

Phase 4: Überarbeitung und Revision der ersten Fassung

Der Ausgangspunkt dieser Phase ist der Rohtext, den die Studierenden nun intensiv überarbeiten. Dies geschieht auf drei Ebenen: inhaltlich, strukturell und sprachlich. Sie nehmen inhaltliche Ergänzungen vor, schreiben Übergänge und der sprachliche Feinschliff erfolgt.

Feedback worauf?
In dieser Phase kann auf den gesamten zu überarbeitenden Text Feedback gegeben werden, z.B. im Hinblick auf die folgenden Fragen:  

  • Wird die Forschungsfrage beantwortet?
  • Gibt es inhaltliche Lücken?
  • Sind Unklarheiten oder Widersprüche enthalten?
  • Ist der Text kohärent?
  • Sind die Absätze klar strukturiert und in einer logisch nachvollziehbaren Reihenfolge angeordnet?

Feedback von wem?
Diese Phase eignet sich sehr gut für Peer-Feedback. Handelt es sich bei der schriftlichen Arbeit um eine Abschlussarbeit, ist das Feedback von Lehrenden wichtig: dabei sollte inhaltliches Feedback vor Strukturellem und vor Sprachlichem kommen und konkrete Möglichkeiten zur Überarbeitung thematisiert werden.

  • Von Lehrenden:
    • Elektronisches Feedback auf den Text über Moodle oder per E-Mail
    • Schriftliches Feedback auf den Text
  • Von Studierenden: Peer-Feedback auf einzelne Textteile
    • entweder während der Präsenzzeit
    • oder elektronisch über Moodle

Phase 5: Korrektur & Finalisieren

In Phase 5 des Schreibprojektes steht für die Studierenden das Korrigieren und Finalisieren des Textes im Vordergrund. Sie legen letzte Hand an Formatierung und Layout, vereinheitlichen Bibliographie und Zitation.

Feedback von wem?
An dieser Stelle können Sie Ihren Studierenden empfehlen, den Text vor der Abgabe von KollegInnen oder FreundInnen Korrektur lesen zu lassen. Dadurch verbessert sich nicht nur die Textqualität, sondern die Studierenden beginnen sich an die akademische Praxis zu gewöhnen, aktiv Rückmeldungen auf ihre Texte einzuholen. Der Schwerpunkt des Feedbacks in dieser Phase sollte nur noch auf dem sprachlichen Ausdruck und formalen Aspekten liegen.

Explizites Feedback von Lehrenden ist nicht notwendig.  

Endprodukt: Fertige Arbeit

Summatives Feedback von Lehrenden auf die fertige Arbeit macht die Leistungsbeurteilung transparent und gibt den Studierenden Hinweise für die Erstellung von zukünftigen Arbeiten (siehe Feedback von Lehrenden auf schriftliche Arbeiten). Das inhaltliche Feedback ist am wichtigsten, aber auch Rückmeldungen auf strukturelle, sprachliche und formale Aspekte sind für Studierende von Bedeutung.

Die Verwendung eines Beurteilungsrasters (scoring rubric) kann Sie bei der Strukturierung des Feedbacks und auch bei der Beurteilung der Arbeit unterstützen. Gleichzeitig erleichtert dies den Studierenden, die erreichte Note besser zu verstehen. Zusätzlich dazu empfiehlt sich ein kurzer, aussagekräftiger Gesamtkommentar.

Quellen:

[1] Adaptiert nach: Grieshammer, Ella, Franziska Liebetanz, Nora Peters, und Jana Zegenhagen. Zukunftsmodell Schreibberatung: Eine Anleitung zur Begleitung von Schreibenden im Studium. 2.,  Aufl. Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren, 2013;  Ulmi, Marianne, Gisela Bürki, Annette Verhein-Jarren, und Madleine Marti. Textdiagnose und Schreibberatung: Fach- und Qualifizierungsarbeiten begleiten. Stuttgart: UTB, 2014; Wolfsberger, Judith. Frei geschrieben: Mut, Freiheit & Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten. 3. Aufl. Wien u.a: Böhlau, 2010.

[2] Grieshammer et al. Zukunftsmodell Schreibberatung, 178-179 [1].

[3] Kruse, Otto und Ruhmann, Gabriele. „Prozessorientierte Schreibdidaktik: Grundlagen, Arbeitsformen, Perspektiven“ In: Dreyfürst, Stephanie und Sennewald, Nadja: Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Schreibberatung. Opladen und Toronto: Verlag Barbara Budrich, 2014, 25.