Peer-Feedback auf schriftliche Arbeiten (Peer-Review)

Oktober 2017

Peer-Review ist eine Form des Peer-Feedbacks. Meist handelt es sich dabei um das schriftliche Kommentieren einer schriftlichen Leistung durch StudienkollegInnen, aber auch mündliche Kommentare sind möglich. Studierende fungieren sowohl als AutorInnen wie auch KommentatorInnen, wobei diese Doppelrolle in der empirischen Forschung als äußerst lernförderlich identifiziert wurde.[1] Allerdings kann dies gerade für unerfahrene Studierende schwierig sein, da sie sich nicht nur mit den Inhalten eines Dokuments auseinandersetzen, sondern gleichzeitig auch das Peer-Review-Verfahren selbst erlernen müssen. Empfehlenswert sind daher klar strukturierte und kommunizierte Zielsetzungen, Abläufe und Kriterien.

1. Mehrwert: Warum es sich lohnt, Peer-Review einzusetzen

1.1. Für die Lehrenden

  • Peer-Review bietet eine Möglichkeit, Studierende in der Lehrveranstaltung zu aktivieren.
  • Lehrende können aus den Peer-Review-Kommentaren Einblick bekommen, inwieweit die Studierenden fachliche Standards und Qualitätskriterien verstanden haben und anwenden können.
  • Zwar ersetzt Peer-Review nicht gänzlich das Feedback von Lehrenden, aber sie kann als maßgeblicher Bestandteil in ein Bündel an Rückmeldungen in den Semesterverlauf integriert werden. Dadurch erweitert sich die Bandbreite des erhaltenen Feedbacks ohne übermäßigen Mehraufwand für die Lehrenden.
  • Schließlich ist die Verwendung von Peer-Review auch ein Signal der Lehrenden an die Studierenden, dass ihre Sichtweisen geschätzt werden.

1.2. Für die Studierenden 

  • Wenn diese gut funktioniert, kommt Peer-Review beiden Seiten zugute; den EmpfängerInnen der Kommentare und ebenso denjenigen, die Rückmeldungen geben. Es gibt Hinweise darauf, dass die VerfasserInnen von Rückmeldungen sogar größere Lernfortschritte machen als die EmpfängerInnen. Denn Peer-Review erfordert komplexe reflexive und (meist auch) evaluative Vorgänge, was sich in weiterer Folge positiv auf die Schreibkompetenz der Peer-Review-VerfasserInnen niederschlägt. Insbesondere geht es darum, dass das Formulieren von kritischen Kommentaren differenzierter Denk- und Schreibfähigkeiten bedarf, mit denen sie auch die eigene Arbeit kritisch reflektieren und hinterfragen können.[2,3,4]
  • Peer-Review hilft dabei, das Bewusstsein für Feedback als Dialog und für eine aktivere Rolle der Studierenden in Lehrveranstaltungen zu stärken. Dadurch wird es möglich, die oft zu eng gefasste Vorstellung von Lehrenden als aktive Feedback-GeberInnen und Studierenden als passive Feedback-EmpfängerInnen zu überwinden.[5,6]
  • Peer-Review bietet Studierenden zusätzliche Perspektiven zu derjenigen der Lehrenden, zudem in einer Sprache, die ihnen wahrscheinlich vertrauter und verständlicher ist.[7]
  • Das Verfahren hat sich für die Entwicklung der folgenden Bereiche als vorteilhaft erwiesen: für soziale und kommunikative Kompetenzen wie das Formulieren und Annehmen von kritischen Kommentaren und das Führen von strukturierten und sachlichen Dialogen; und für die Entwicklung von Verantwortungs- und Selbstbewusstsein.[8]

2. Praxistipps

Gute Vorbereitung ist ein wesentliches Element in der Gestaltung von wirkungsvollem Peer-Feedback. Mögliche zu bedenkende Punkte sind dabei:

  • Akzeptanz von Peer-Review etablieren
    Studierende bringen sich dann eher ein, wenn sie eine Aktivität als hilfreich und nützlich für das Erreichen einer guten Note oder ihre weitere Arbeit wahrnehmen. Gleichzeitig müssen sich gerade manche StudienbeginnerInnen erst daran gewöhnen, nicht allein auf die/den Lehrende/n zu fokussieren und Rückmeldungen von KollegInnen in ihre Lernprozesse zu integrieren. Eine Möglichkeit, die Bedeutsamkeit von Peer-Review in der Lehrveranstaltung zu kommunizieren, besteht darin, sie als Teilleistung für die Lehrveranstaltung festzulegen und auch die Qualität der Rückmeldungen zu beurteilen. Längerfristig werden auch positive Erfahrungen mit Peer-Review und die durch sie bewirkten Lerneffekte die Motivation steigern.
  • Die geeignete Art von Peer-Review einsetzen
    Ein häufiger Grund, warum manche Studierende Peer-Review nicht ernst nehmen, liegt in der fachlichen Autorität der Lehrperson sowie in der eigenen Unsicherheit und dem Bedürfnis, von dieser Autorität gesagt zu bekommen, was richtig und was falsch sei. Für Personen, die noch ungeübt sind und Standards und Erwartungen noch nicht internalisiert haben, kann es tatsächlich sehr schwierig sein, Probleme in einem Text zu identifizieren, sie zu benennen und dazu noch konkrete Verbesserungshinweise zu formulieren und somit den KollegInnen hilfreiche Rückmeldungen zu geben.[9]

    Diesen anfänglichen Schwierigkeiten können Sie mit verschiedenen Varianten von Peer-Review begegnen, die auch aufeinander aufbauend verwendet werden können. Dabei kann man zwei Arten unterscheiden:
    • Feedback durch Resonanz: Hier geht es darum, an den/die AutorIn rückzumelden, wie der Text verstanden wurde, ohne jedoch eine Bewertung abzugeben oder Verbesserungsvorschläge zu formulieren. Die Rückmeldungen sind beschreibend (siehe Tabelle für Beispiele) und dienen der/-m AutorIn dazu herauszufinden, wie der Text auf LeserInnen wirkt und ob er so wie intendiert verstanden wurde. Die ReviewerInnen hingegen üben das Lesen von studentischen Texten, das Identifizieren von wesentlichen Inhalten und das Formulieren ihrer subjektiven Eindrücke. Feedback durch Resonanz kann als Aktivität für sich stehen oder aber als Vorstufe zu „ratgebendem Feedback“ eingesetzt werden.
    • Ratgebendes Feedback: Dies ist die häufigste Variante der Peer-Review. Sie umfasst Bewertungen (siehe Tabelle für Beispiele), inwieweit ein Text den vorgegebenen Kriterien und Standards entspricht und Vorschläge seitens der ReviewerInnen, welche Änderungen zur Verbesserung des Textes nötig sind. [10,11]

Manche Studierende tendieren dazu, unmittelbar („aus dem Bauch heraus“) Bewertungen abzugeben, ohne die Begründungen explizieren zu können. Als Lehrende/r können Sie durch Feedback-Bögen und die Formulierung von Peer-Review-Fragen steuern. Hier einige Beispielfragen zur Illustration:[12]

2.1. Tabelle: Beschreibendes und bewertendes Feedback

Beschreibend

Bewertend

Umschreiben Sie in ein oder zwei Sätzen die Position des/der AutorIn. Markieren Sie die Passage, die Ihrer Meinung nach die These ist.

Hat die Arbeit eine These? Ist sie klar formuliert?

Machen Sie eine grobe Gliederung dieser Arbeit auf der Rückseite dieses Blattes.

Hat die Arbeit eine klare Struktur?

Welche Belege verwendet der/die AutorIn zur Untermauerung seiner/ihrer Position? Welche sind die stärksten, welche die schwächsten?

Verwendet der/die AutorIn Belege, um seine/ihre Position
zu untermauern? Sind sie ausreichend?

Markieren Sie Stellen, die Sie mehr als einmal lesen mussten, um zu verstehen, was der/die AutorIn sagen will.

Ist die Arbeit durchgängig klar formuliert?

Nachdem Sie die Arbeit gelesen haben, stimmen Sie dem/der AutorIn zu oder nicht? Warum? Warum nicht?

Wie überzeugend ist die Argumentation?

  • Zielsetzungen, Aufgaben und Ablauf klären
    Es empfiehlt sich, die Aufgaben der Studierenden, die Ziele und den Ablauf der Peer-Review schriftlich vorzulegen und vorab im Detail zu besprechen:
    • Was soll mit der Peer-Review erreicht werden?
    • Welche Rolle spielt sie im Lehrveranstaltungs-Design? Wie verhält sie sich zu anderen Teilleistungen?
    • Welche Aufgaben haben AutorInnen und Peer-ReviewerInnen? (Sollen z.B. die AutorInnen um Feedback auf bestimmte Elemente des Dokumentes bitten?)
    • Wo findet die Peer-Review statt? (Während der Lehrveranstaltung im Hörsaal – für unerfahrene Studierende empfiehlt sich diese Variante, da der/die Lehrende für Hilfestellungen anwesend ist? Zu Hause auf Papier? Online via Moodle? In einem Tutorium? In Schreibgruppen?)
    • Wie werden die Texte zugeteilt? Durch die/den Lehrende/n? Finden sich die Studierenden selbst zusammen? Werden Texte ausgetauscht oder gibt es ein Rotationsprinzip? Liest jede Person einen Text oder mehr?
    • Wie viel Zeit steht zur Verfügung?
    • Was passiert, nachdem der Text durchgearbeitet wurde? (Bekommt der/die Autorin den Text mit den Kommentaren, gibt es eine Besprechung zwischen AutorIn und ReviewerIn oder im Plenum? Muss in der überarbeiteten Version des Textes auf die Peer-Review Bezug genommen werden, z.B. auf einem beigefügten Reflexionsblatt? Ist der Peer-Review-Bogen zusammen mit der Endversion der Arbeit abzugeben?)
  • Verhaltensregeln festlegen
    Kommentare konstruktiv und respektvoll zu formulieren erfordert Übung. Es empfiehlt sich, grundlegende Verhaltensregeln im Vorhinein zu bestimmen, den Studierenden schriftlich vorzulegen und zu besprechen. Alternativ können diese auch gemeinsam mit den Studierenden erarbeitet werden. Typischerweise finden sich darin die folgenden Anweisungen, die je nach Bedarf angepasst und ausgeweitet werden sollen:[13,14]
    • Subjektiv formulieren („Mir ist aufgefallen, dass …“)
    • Eher beschreibend statt bewertend formulieren
    • Konstruktiv formulieren (Konkrete Vorschläge, die bei der Weiterarbeit helfen)
    • Positives herausstreichen (Was ist gut gelungen? Warum ist es gut?)
    • Kommentare auf konkrete Textstellen beziehen, keine verallgemeinernden (und keine personenbezogenen) Aussagen treffen
    • Ebene anführen, auf die sich Kommentare beziehen (Argument, Struktur, Wortwahl etc.)

Falls anschließend an die Peer-Review ein Gespräch zwischen Text-AutorInnen und Feedback-GeberInnen stattfindet, sollten sich auch die EmpfängerInnen von Feedback an zuvor festgelegte Verhaltensregeln halten (für ein Beispiel siehe Eintrag Peer-Feedback).

2.2. Beispielszenario

Angeleitetes ratgebendes Feedback auf die Erstversion einer Seminararbeit[15]

Diese Variante funktioniert am besten mit fortgeschrittenen Studierenden, d.h. wenn sie fachliche Standards bereits verinnerlicht haben und in der Lage sind, den Text reflektiert mit Kriterien abzugleichen und konstruktive Vorschläge zur Weiterarbeit einzubringen. In dieser Variante arbeiten jeweils zwei Studierende als ReviewerInnen-Paar zusammen, was die Qualität der Rückmeldungen üblicherweise erhöht.

Vorbereitung:

Legen Sie die Kriterien und Verhaltensregeln für die Peer-Review schriftlich vor und besprechen Sie diese mit den Studierenden. Es hat sich auch bewährt, anhand eines Beispieltextes die Anwendung der Kriterien im Plenum als Vorbereitung auf die Peer-Review zu üben.

Durchführung:

  1. Teilen Sie die Studierenden paarweise ein.
  2. Teilen Sie den Peer-Review-Bogen mit den Bewertungskriterien aus.
  3. Jedes Paar tauscht seine Texte mit einem anderen Paar. Alternativ (aus Gründen der Zeitersparnis) kann dieser Schritt auch schon im Vorfeld (z.B. via Moodle) erfolgen, damit die Studierenden die Texte bereits vor der Präsenzeinheit lesen können.
  4. Paarweise erstellen die Studierenden gemeinsam eine Peer-Review jedes der beiden erhaltenen Texte entlang der vorliegenden Kriterien. Zusätzlich dazu verfassen die ReviewerInnen abschließend ein kurzes zusammenfassendes Gutachten, beispielsweise geleitet von folgenden Aufforderungen:
    • Beschreiben Sie mindestens zwei Aspekte des Entwurfs, die besonders gut gelungen sind.
    • Identifizieren Sie zwei oder drei Aspekte, die derzeit noch unterentwickelt oder problematisch sind.
    • Formulieren Sie zwei oder drei konkrete Änderungsvorschläge, die Ihrer Meinung nach die wichtigsten sind, die im nächsten Überarbeitungsschritt gemacht werden sollten.
  5. Texte und Reviews werden den VerfasserInnen zurückgegeben, evtl. folgt eine Besprechung in Vierergruppen.

 Das Peer-Review Verfahren - Die positive Wirkung von Feedback in der Lehre; Dr.in Daniela Seybold, Universität Würzburg (7:03)

Quellen

[1] Siehe z.B. Nicol, David J., Avril Thomson, und Caroline Breslin. „Rethinking Feedback Practices in Higher Education: A Peer Review Perspective“. Assessment and Evaluation in Higher Education 39, Nr. 1 (2014): 102–122.

[2] Cho, Young Hoan, und Kwangsu Cho. „Peer Reviewers Learn from Giving Comments“. Instructional Science: An International Journal of the Learning Sciences 39, Nr. 5 (2011): 629–43.

[3] Nicol, David J. “Guiding Principles for Peer Review: Unlocking Learners‘ Evaluative Skills” In Advances and Innovations in University Assessment and Feedback, herausgegeben von Carolin Kreber et al, 197-224. Edinburgh: University Press, 2014.

[4] Nicol, Thomson und Breslin. „Rethinking Feedback Practices" [1].

[5] Ebd., 103.

[6] Nicol, David. „From Monologue to Dialogue: Improving Written Feedback Processes in Mass Higher Education“. Assessment and Evaluation in Higher Education 35, Nr. 5 (August 2010): 501–517.

[7] Nicol, Thomson und Breslin. „Rethinking Feedback Practices", 103.

[8] Crossman, Joanne M, und Stacey L Kite. „Facilitating improved writing among students through directed peer review“. Active Learning in Higher Education 13, Nr. 3 (2012): 219–229.

[9] Ladyshewsky, Richard K. „The role of peers in feedback processes“. In Feedback in Higher and Professional Education. Understanding it and doing it well, herausgegeben von David Boud und Elizabeth Molloy, 174–89. London: Routledge, 2013.

[10] Frank, Andrea, Stefanie Haacke, und Swantje Lahm. Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf. 2. Aufl. Stuttgart u.a.: Metzler, 2013, S. 99-100.

[11] Bean, John C. Engaging Ideas: The Professor’s Guide to Integrating Writing, Critical Thinking, and Active Learning in the Classroom. 2. Aufl. San Francisco: John Wiley and Sons Ltd, 2011.

[12] Übersetzt und adaptiert nach ebd., basierend auf Linda B. Nilson, „Improving Student Peer Feedback“ College Teaching 51, Nr. 1 (2003): 34–38.

[13] Siehe z.B. Frank, Haacke Lahm. Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf. 101 [10].

[14] Kruse, Otto. Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium. Konstanz: UVK, 2010, 166.

[15] Übersetzt und adaptiert nach Bean, John C. Engaging Ideas [11].

Empfohlene Zitierweise

Center for Teaching and Learning: Peer-Feedback auf schriftliche Arbeiten (Peer-Review). Infopool besser lehren. Universität Wien, Oktober 2017. [https://infopool.univie.ac.at/startseite/feedback/peer-feedback-auf-schriftliche-arbeiten-peer-review/]

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