Kollegiale Lehrbesuche

September 2018

Bei kollegialen Lehrbesuchen nimmt eine Lehrperson an einer Lehrveranstaltungs-Einheit eines Kollegen oder einer Kollegin teil, um anschließend die Lehrgestaltung gemeinsam zu reflektieren. Die freundlich-kritischen Rückmeldungen kommen dabei von Personen, die sich durch ihre eigene Lehrpraxis mit der Lehrendenrolle (und ihren Herausforderungen) identifizieren können. Für gewöhnlich finden Lehrbesuche in wechselnden Rollen gegenseitig statt. Die Ziele sind kollegialer Austausch und Unterstützung sowie die Weiterentwicklung der Lehre.

1. Mehrwert: Warum kollegiale Lehrbesuche?

In der Weiterentwicklung der eigenen Lehre können kollegiale Lehrbesuche eine wirkungsvolle Ergänzung zur Teilnahme an hochschuldidaktischen Workshops oder Beratungen darstellen:

  • Lehrbesuche bieten einen Rahmen für Austausch zwischen Kollegen und Kolleginnen, die sich für Lehre interessieren und sich vernetzen möchten. Kollegiale Unterstützung wirkt dem häufigen Phänomen des „EinzelkämpferInnentums“ in der Lehre entgegen.[1]
  • Lehrbesuche setzen unmittelbar an der Lehrpraxis an und werden der Komplexität des Lehrgeschehens gerecht. Viele Aspekte lehrbezogenen Handelns lassen sich durch Lehrveranstaltungs-Besuche besser fassen als in Diskussionen über Lehre ohne dieses direkte Erleben.[2] Das betrifft beispielsweise die subtile Ebene der Kommunikation mit Studierenden oder die situativen Kontextbedingungen der Lehrpraxis (Räumlichkeiten etc.).[3] Auch routinierte und unbewusste Verhaltensweisen können durch das Nachfragen des Gastes leichter zur Sprache kommen. Lehrende werden angeregt, sich ihrer Handlungsweisen stärker bewusst zu werden und sie zu begründen.
  • Kollegiale Lehrbesuche erlauben der Lehrperson weitgehenden Gestaltungsspielraum durch die freie Wahl der Lehrveranstaltungs-Einheit, der Beobachtungsschwerpunkte, der besuchenden Lehrperson sowie eine mögliche Involvierung der Studierenden.
  • Auch der „Gast“, der die Beobachtung übernimmt, kann wertvolle Anregungen und Inspiration für die eigene Lehre bekommen. Er bringt das Wahrgenommene in Bezug zur eigenen Lehre und erlebt Lehrhandeln, das von seinem eigenen u.U. abweicht.[4] Selbst ohne anschließendes Gespräch lernen Lehrende durch die Beobachtung der Lehre anderer genauso sehr wie in der Rolle der besuchten Lehrperson, die kollegiales Feedback erhält.[5]

2. Erfordernisse & Herausforderungen

Viele Universitätslehrende sind mit kollegialen Lehrbesuchen wenig vertraut und nehmen sie als sensibel wahr. Einige Metaphern („Besuch“, „Gast“) weisen bereits auf schwierige Fragen hin, die in Gastfreundschaftssituationen verhandelt werden (müssen): Wie kann die Begegnung zwischen Gästen und GastgeberInnen gelingen? Wie kann die Souveränität von GastgeberInnen gewahrt bleiben, die durch das Einlassen von Außenstehenden auch Persönliches von sich preisgeben?

Lehrbesuche können aus diesen Gründen in der Umsetzung herausfordernd sein. Sie sind in jedem Fall mit einigen wichtigen Erfordernissen verbunden:

  • Zielverständnis: Die Gäste sollten das Ziel ihres Lehrbesuchs als Unterstützung in der Weiterentwicklung von Lehre sehen – und nicht etwa in einer Bewertung oder Evaluation.
  • Verständnis guter Lehre: Es ist wichtig, dass die BeobachterInnen mögliche Unterschiede in Lehr-/Lernüberzeugungen achten und Ratschläge vermeiden, die von einem einzigen „richtigen“ Lehrstil ausgehen. Gerade das Wahrnehmen divergierender Annahmen zu Lehren und Lernen kann eine Selbstvergewisserung und Standortbestimmung der Beteiligten unterstützen.[6]
  • Vertrauen, Wohlwollen und Diskretion: Feedback ist immer Beziehungsgeschehen und mit einer gewissen Kränkungsbefürchtung verbunden (siehe Feedback). Dies gilt in besonderer Weise für kollegiale Lehrbesuche, bei denen der Feedbackgegenstand oft sehr persönlich ist (z.B. eigenes Auftreten und Sprache). Erfolgreiche Lehrbesuche basieren daher auf gegenseitigem Vertrauen. Die Lehrperson muss sich auf das Wohlwollen und die Diskretion des Besuchers oder der Besucherin verlassen können.
  • Souveränität der Lehrperson: Es ist wichtig, dass sich die Lehrperson im gesamten Prozess als bestimmend erleben kann. Diese Selbstbestimmung wird in den vielen eigenen Entscheidungsmöglichkeiten (Wahl des Gastes, der Lehrveranstaltungs-Einheit, des Beobachtungsschwerpunkts) deutlich. Gemeint sind aber auch konkrete Fragen des Urheberrechts. Es sollte selbstverständlich sein, dass der Gast beispielsweise den Foliensatz nicht in Umlauf bringt oder gar ungefragt in die eigene Lehre übernimmt.

3. Tipps zur praktischen Umsetzung

Ein sinnvoller Ablauf umfasst neben dem Besuch einer Lehrveranstaltungs-Einheit insbesondere eine Vor- und Nachbesprechung. Im Folgenden wird dieser Phasenablauf vorgestellt, der angesichts des beachtlichen Gestaltungsfreiraums als Anregung einer eigenständigen Vorgangsweise zu verstehen ist.

3.1 Planungsüberlegungen

Wenn Sie sich für kollegiale Lehrbesuche interessieren, ist es wichtig, dass Sie für sich zunächst einige Fragen klären:

  • Lehrentwicklung: Was ist Ihr Verständnis von „guter Lehre“? Was möchten Sie in Ihrer Lehre weiterentwickeln?
  • Beobachtungsschwerpunkte: Wie kann Peer-Feedback Ihre Lehre unterstützen? Worauf wünschen Sie sich Feedback? Was interessiert Sie, kann aber u.U. nicht innerhalb einer Lehrveranstaltungs-Einheit beobachtet werden (mögliche Grenzen von Lehrbesuchen als Methode)?
  • Motivation: Was motiviert Sie zur Teilnahme an kollegialen Lehrbesuchen? Was erhoffen oder erwarten Sie? Was sind Sie bereit einzubringen?
  • Wer: Wer eignet sich aus Ihrer Sicht als Gast, der die Beobachtung übernimmt? Sie können z.B. folgende Aspekte berücksichtigen: Interesse am Austausch über Lehre, Erfahrung in der Lehre, Vertrauen und Diskretion; Sie können jemanden mit ähnlichem oder konträrem Zugang zu Lehre wählen. Es gibt legitime Gründe, sich für fachnahe aber auch für fachferne Personen zu entscheiden. Bei letzteren besteht oft weniger Sorge hinsichtlich Konkurrenz oder einer ungewollten inhaltlichen „Einmischung“ in der Nachbesprechung. Allerdings können fachnahe Gäste deutlich besser auf Fragen eingehen, die das Zusammenwirken von Inhalt und Lehr-/Lernmethode betreffen. Wenn Sie beispielsweise diskutieren möchten, wie Sie einen bestimmten Punkt besser erklären könnten, darf der Besucher oder die Besucherin nicht zu fachfern sein.
  • Wann: Eignet sich eine spezielle Lehrveranstaltungs-Einheit mehr als andere für den Lehrveranstaltungs-Besuch?
  • Eigene Lehrveranstaltungs-Besuche: Welche Anregungen für Ihre Lehre könnten Sie bekommen, wenn Sie selbst eine Lehrveranstaltung eines Kollegen oder einer Kollegin besuchen?

3.2 Vorgespräch: Kennenlernen & Festlegen der Beobachtungsschwerpunkte

Das Vorgespräch ist eine wichtige Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen. Gleichzeitig erfährt der Gast, was für eine gelungene Beobachtung wichtig ist: grundsätzliche Information zur Lehrveranstaltung, praktische Fragen zur Durchführung sowie die Beobachtungswünsche der Lehrperson.

Information zur Lehrveranstaltung

Grundlegende Information: Studienziele und Inhalte, Einbindung ins Curriculum, erstmalige Durchführung durch die Lehrperson oder bereits mehrmalige Wiederholung etc.

Information über die Studierenden: Gruppengröße, Zusammensetzung, Studienabschnitt, Vorkenntnisse, Motivation. Wie hat die Lehrperson die Studierenden in bisherigen Einheiten erlebt?

Information über zu besuchende Lehrveranstaltungs-Einheit:

  • Wie sieht die Planung der Einheit aus? (Inhalt, Lernziele, eingesetzte Lehr-/Lernmethoden und geplanter Ablauf)
  • Ist diese Stunde „typisch“ oder weicht sie von anderen Einheiten derselben Lehrveranstaltung ab?
  • Gibt es inhaltliche Gründe, warum die Lehrperson den Gast zu dieser bestimmten Einheit eingeladen hat?

Zugang zu Lehr-/Lernmaterial: Die Lehrperson kann dem Kollegen bzw. der Kollegin im Vorfeld Material zur Lehrveranstaltung zur Verfügung stellen (z.B. Zugang zum Moodle-Kurs, Syllabus, vorzubereitende Texte oder Arbeitsaufgaben für die Studierenden etc.).

Klärung der praktischen Aspekte

Information über Zeit, Dauer und Ort der Lehrveranstaltungs-Einheit

Information über Räumlichkeiten, einschl. Überlegungen zur Sitzplatzwahl des Gastes. Häufig eignet sich ein Sitzplatz eher im Hintergrund, der es erlaubt, die Lehrperson und (mehrere) Studierende gleichzeitig im Blickfeld zu haben.

Beobachtungsschwerpunkte und Lehrentwicklung

Beobachtungsschwerpunkte: Die Lehrperson erläutert, worauf sie Rückmeldung wünscht, was sie im Hinblick auf diese Lehrveranstaltung beschäftigt oder was ihr am Herzen liegt. Dieser Fokus ist eng mit Bestrebungen der eigenen Lehrentwicklung verbunden. Das Vorgespräch umfasst eine Diskussion, inwieweit die Beobachtung einer Lehrveranstaltungs-Einheit geeignet ist, bestimmte Aspekte dieser Entwicklungsbestrebung offen zu legen, und wo allfällige Grenzen dieser Methode liegen. Der/Die Lehrveranstaltungs-BesucherIn notiert dieses inhaltliche Interesse der Lehrperson und berücksichtigt es in der Beobachtungssituation selbst sowie in der Formulierung ihres späteren Feedbacks.

Interessen auf Seiten des Gastes: Obwohl die Beobachtungsschwerpunkte Vorrang haben, kann die besuchende Lehrperson legitimerweise eigene Interessen und Fragen in den Lehrbesuch bringen, auf die sie zusätzlich achten möchte. Diese stehen oftmals im Zusammenhang mit Lehrentwicklung auf Seiten dieses Kollegen oder dieser Kollegin.

3.3 Besuch einer Lehrveranstaltungs-Einheit

Pünktlichkeit
(10 min vor Beginn)

Ein pünktliches Eintreffen der besuchenden Lehrperson ermöglicht:

  • Sitzplatzwahl vor Ankunft eines Großteils der Studierenden
  • Beobachtung der Interaktion zwischen Studierenden sowie zwischen Studierenden und Lehrperson in den Minuten vor Beginn
  • Beobachtung des Starts in die Lehrveranstaltungs-Einheit (Begrüßung, inhaltlicher Einstieg, Bezüge zur vorherigen Einheit, Umgang mit zu spät kommenden Studierenden etc.)
Vorstellung des Gastes
(falls erforderlich)
In klein- bis mittelgroßen Gruppen ist es erforderlich, dass die Lehrperson den Gast kurz vorstellt und die Studierenden über den kollegialen Lehrbesuch informiert. Insbesondere in Einheiten, in denen einzelne Studierende Referate oder andere Aufgaben übernehmen, ist es wichtig zu kommunizieren, dass das Hauptinteresse auf der Lehrgestaltung liegt – und die zusätzliche Lehrperson im Raum keinerlei Leistungsbeurteilung übernimmt.
NotizenUmfassendes und gezieltes Feedback erfordert das Verfassen von Notizen während der Lehrveranstaltungs-Einheit. Gegenstand dieser Notizen sind die Beobachtungsschwerpunkte, die Aktivitäten aller Beteiligten, deren Interaktion sowie allfällige weitere Aspekte (Räumlichkeit, Lärm). Möglich ist z.B. ein Log-Verfahren, um den zeitlichen Verlauf der Einheit schriftlich festhalten und mit den inhaltlichen Notizen verbinden zu können. Auf diese Weise fällt in der späteren Nachbesprechung Feedback nach Lehrveranstaltungs-Phasen einfacher.
Involvierung der Studierenden (optional) Wenn sich die Lehrperson sehr sicher fühlt, kann die studentische Perspektive eine bereichernde Ergänzung zur Beobachtung des Kollegen oder der Kollegin sein. Wenn diese nicht bereits in anderer Weise in Erfahrung gebracht wurde, besteht die Möglichkeit für die besuchenden KollegInnen mit manchen Studierenden ins Gespräch zu kommen. Mögliche Fragen wären: Ist das eine typische Stunde? Wie erleben Sie den Schwierigkeitsgrad der Lehrveranstaltung? Was hilft Ihnen, mit dem Stoff zurecht zu kommen? Wichtig ist, dass diese Gespräche ausschließlich auf ausdrücklichen Wunsch der Lehrperson geschehen.

3.4 Nachbesprechung: Austausch & Reflexion

Die Nachbesprechung sollte relativ zeitnah stattfinden. U.U. ist eine Durchführung gleich im Anschluss der Lehrveranstaltungs-Einheit möglich, allerdings erfordert dies ein erstes gedankliches Strukturieren des Feedbacks noch während des Verfassens von Notizen in der laufenden Einheit. Es eignet sich, den Einstieg der Nachbesprechung gut zu strukturieren und allmählich in einen offenen Austausch bzw. Diskussion übergehen zu lassen.

Möglicher Ablauf:

Perspektive der Lehrperson

Das Gespräch beginnt mit der Einschätzung der Lehrperson. (Wie habe ich die Einheit erlebt? Was ist gelungen, was weniger? Was ist mir leicht gefallen? Was hat mich belastet?)

Perspektive des GastesNun übernimmt die Lehrperson die Rolle der Zuhörerin während der Gast die eigenen Eindrücke darlegt (unter Verwendung der Notizen). Übereinstimmungen mit der Eigenperspektive genauso wie Widersprüche zu dieser werden angesprochen. Wirkungsvolles Feedback ist wertschätzend und konkret (Nennung von Beispielen). Es fokussiert auf den Handlungsspielraum der Lehrperson (Gut gelaufen ist… Dazu beigetragen hat…). Eine mögliche Formulierung geht von der Perspektive der Studierenden aus. (Ich kann mir vorstellen, dass ich als Studentin zu diesem Punkt gern ein Beispiel gehabt hätte.) Achtung: Fachnahe Personen sollten auf einen starken Lehrbezug ihrer Rückmeldungen achten (kein Abdriften zu Inhalten oder gar Urteil über die fachliche Qualifikation der Lehrperson).
NachfragenFragen an die Lehrperson können auf neue Ideen bringen oder zum Nachdenken über das eigene Vorgehen anregen. (Warum verwenden Sie hier Methode X?)
Diskussion und Austausch In einem offenen Austausch diskutieren die beiden Personen über eine mögliche Weiterentwicklung und alternative Handlungsansätze. (Verändern/Verbessern könnte ich… Dazu müsste/könnte ich…) Dabei kann der Gast auch aus dem eigenen Erfahrungsschatz berichten. (Meiner Erfahrung nach sind Studierende besonders aufmerksam, wenn ich… Haben Sie das einmal ausprobiert?)

4. Hinweis: Netzwerk Kollegiale Lehrberatung

Bei Interesse können Sie als Lehrperson der Universität Wien am Netzwerk Kollegiale Lehrberatung teilnehmen. Informationen finden Sie auf der Website des Center for Teaching and Learning.

Quellen

[1] Ostovar-Nameghi, Seyyed Ali und Mohsen Sheidkahmadi (2016) “From Teacher Isolation to Teacher Collaboration: Theoretical Perspectives and Empirical Findings”. English Language Teaching, 9(5), 197-205.

[2] Für die zugrundeliegenden Lerntheorien (erfahrungsorientiertes Lernen, reflexive Praxis, kooperatives Lernen) siehe Bell, M. (2005) Peer Observation Partnerships in Higher Education. Higher Education Research and Development Society of Australia Inc., Milperra, NSW.

[3] Mikula, Regina, Astrid Koreimann (2012) „Hörsaalforschung konkret: Kollegiale Hospitation an der Karl-Franzens-Universität Graz“. In Rudolf Egger und Marianne Merkt (Hrsg.) Lernwelt Universität: Entwicklung von Lehrkompetenz in der Hochschullehre, Lernweltforschung 9, Wiesbaden: Springer VS, 143-166.

[4] Mikula und Koreimann (2012) „Hörsaalforschung konkret“ [3].

[5] Hendry, Graham D., Amani Bell und Kate Thomson (2014) “Learning by observing a peer’s teaching situation”. International Journal for Academic Development, 19(4), 318-329; Hendry, Graham D. und Gary R. Oliver (2012) „Seeing is Believing: The Benefits of Peer Observation“. Journal of University Teaching & Learning Practice, 9(1); Tenenberg, Josh (2016) “Learning through observing peers in practice”. Studies in Higher Education, 41(4), 756-773.

[6] Mikula und Koreimann (2012) „Hörsaalforschung konkret“ [3].

Empfohlene Zitierweise

Center for Teaching and Learning: Kollegiale Lehrbesuche. Infopool besser lehren. Universität Wien, September 2018. [https://infopool.univie.ac.at/startseite/universitaeres-lehren-lernen/kollegiale-lehrbesuche/]

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